Bundesverdienstkreuz für Herbert Westenburger

Am 25. August 2010 bekam Herbert Westenburger in Wiesbaden von dem hessischen Justizminister Jörg-Uwe Hahn das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht.

Jörg Uwe-Hahn: "Seit vielen Jahren berichten Sie als Zeitzeuge vor Schulklassen und Studierenden in fesselnden Vorträgen über Ihre Auseinandersetzungen mit dem NS-Staat und geben Ihre damit verbundenen Erinnerungen als Mahnung weiter. Ich freue mich sehr, dass ich Sie heute für Ihr herausragendes Wirken mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnen darf" (Quelle und Bildquelle: hessisches Justizministerium)


Die Verleihung kam durch die Initiative einer Gruppe zeitgeschichtlich interessierter Persönlichkeiten zustande, der unter anderem sechs emeritierte Professoren angehörten. Äußerer Anlaß war der neunzigste Geburtstag Herbert Westenburgers zu Beginn des Jahres 2010.

Aus der Begründung der Antragsteller:

Herbert Westenburger, genannt Berry, gehörte von 1932 bis zum Verbot 1934 dem Nerother-Wandervogel, einem Bund der konfessionell und politisch unabhängigen bürgerlichen Jugendbewegung der Weimarer Zeit an. Nachdem die Bünde der Jugendbewegung im NS-Staat aufgelöst und verboten worden waren und ein großer Teil der bündischen Führer glaubte, das Jungvolk und die Hitlerjugend unterwandern zu können oder auch engagiert der neuen Staatsjugend beitrat, verweigerte sich Westenburger mit einigen seiner Freunde dem neuen System (bis 1939 war die Mitgliedschaft in Jungvolk und HJ freiwillig und wurde erst durch Erlass vom 25. März 1939 zu "Jugenddienstpflicht" gesetzliche Pflicht) und schloss sich einem Netzwerk ehemaliger Bündischer an, das sich in der Tradition eines am 1.11.1929 von Eberhard Koebel (genannt tusk) gegründeten sich elitär verstehenden Jungenbundes mit dem Namen "dj.1.11" (deutsche jungenschaft vom 1.11.1929) verstand.
Eberhard Koebel emigrierte über Schweden nach England.

Diese jungen Leute übten keinen aktiven. Widerstand, sondern wollten ihr eigenes Leben führen und nicht staatlich gegängelt werden. Illegale bündische Kreise gab es in ganz Deutschland, und zum Teil hatten sie auch Kontakt zu einander. So war z.B. Hans Scholl, der zuerst in die Hitlerjugend eintrat, Mitglied einer illegalen dj.1.11-Gruppe und wurde deshalb wegen "bündischer Umtriebe" angeklagt, und Willi Graf, ebenfalls ein späteres Mitglied der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" und wie Hans Scholl von der NS-Justiz zum Tode verurteilt, war zuerst Mitglied des katholischen Jungenbundes NeuDeutschland und später in dem illegalen katholischen "Grauen Orden". Auch Herbert Westenburger wurde mit einigen seiner Freunde 1938 wegen "bündischer Umtriebe" verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Er beschreibt das ausführlich in seinen 2008 erschienenen Lebenserinnerungen. Nach einer Amnestie wurde er zum Wehrdienst einberufen. 1942 wurde er mit seiner Einheit nach Nordafrika verlegt, wo er im Mai 1943 in Kriegsgefangenschaft geriet. Vorher musste er noch erfahren, dass seine Mutter verhaftet worden war. Die Mutter von Herbert Westenburger starb am 23. August 1943 im Lager Auschwitz.

Nach Krieg und Kriegsgefangenschaft engagierte sich Herbert Westenburger sofort wieder beim Aufbau bündischer Jugendgruppen im Nachkriegsdeutschland und wurde in Frankfurt am Main Vertreter der hessischen Gruppen der sich in den drei westlichen Besatzungszonen sehr schnell mit Genehmigung der Alliierten konstituierenden "Jungenschaften" in der Tradition von "dj.1.11". Während die meisten Jugendbünde der Nachkriegszeit mit klaren Vereinsstrukturen von Älteren anknüpfend an die Weimarer Zeit wieder aufgebaut wurden, bildeten sich die Jungenschaftsgruppen, auch zum Teil unter dem Einfluss älterer Jugendlicher, völlig unabhängig voneinander in verschiedenen Zentren der amerikanischen, britischen und französischen Zone, nahmen Kontakt zueinander auf und trafen sich auf Wanderfahrten und Zeltlagern, schlossen sich aber nie vollständig zu größeren Organisationen zusammen.

Führend in den Jungenschaftskreisen der Nachkriegszeit waren neben Westenburger, der wie gesagt Hessen vertrat, u.a.:
  • Ernst Albrecht in Bremen, später Ministerpräsident von Niedersachsen
  • Klaus Jürgen Citron in Schleswig, später Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, verst.
  • Michael Jovy in Köln, später Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, verst.
  • Hein und Oss Kröher in Pirmasens, später Folklore-Sänger
  • Hans-Christian Lankes in Essen, später Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, verst.
  • Walter Scherf in Göttingen, später Direktor der Internationalen Jugendbibliothek München und Märchenforscher.
In seinen 2008 erschienenen Lebenserinnerungen "Wir pfeifen auf den ganzen Schwindel - Versuche jugendlicher Selbstbestimmung" hat Herbert Westenburger sein von freier Jugendarbeit bestimmtes Leben beschrieben und dokumentiert, nachdem er immer wieder von seinen Freunden und Vertretern der historischen Jugendforschung aufgefordert und ermuntert worden war, eine Autobiografie zu schreiben.

Herr Prof. Dr. Hans Mausbach, Fachhochschule Frankfurt am Main, in dessen Lehrveranstaltungen Herbert Westenburger über Jahre als Zeitzeuge über seine Erfahrungen in der bündischen Jugend berichtet und die illegalen Aktivitäten von Jugendlichen während der NS-Zeit geschildert hat, schreibt über die Erinnerungen von Westenburger:

"Berry Westenburgers Buch kommt aus Erfahrungen, die bündischen Lesern und Wandervögeln vertraut sind, erschließt sich aber jedem Leser als ein Beispiel jugendlicher Fähigkeit zur Selbstbestimmung und unbeugsamem Widerstand in den Jahren 1932-1945. Diese Jugend verweigert sich der Gleichschaltung und bewahrte in der Illegalität ihre Eigenarten, ihre Lieder, ihre Vorstellungen und Visionen. Was es unter der Unduldsamkeit der NS-Diktatur und unter Kriegsbedingungen bedeutete, wenn unwahre Vorspiegelungen, antihumane rassistische Vorurteile und demokratiefeindliche Maßnahmen erkannt und durchschaut wurden, wissen wir aus manchem Vorgang der Verfolgung und NS-Justiz. Trotz Verbot und Verfolgung gab es Gruppen, die außerhalb der Organisationsmuster der HJ weiterbestanden und sich gegen weltanschauliche Gängelung stemmten. Sie hatten andere Träume, andere Lebensentwürfe, andere Hoffnungen und behüteten diesen Schatz ihrer Lieder und ihres schöpferischen Denkens in ihren Freundschaften und heimlichen Treffen für die Zeit nach Krieg und Diktatur.

Deshalb reicht die Bedeutung dieser Suche nach eigener Verantwortung und innerer Wahrhaftigkeit, von der Herbert Westenburger in seiner Lebenschronik erzählt, über den Bereich der Jugend weit hinaus und wurde nach 1945 zu einem der Beispiele für die Neuanfänge."


Und zu den Lehrveranstaltungen an der Fachhochschule Frankfurt mit Westenburger in den Jahren 1995 bis 2000 schreibt Mausbach:

"In den letzten Jahren meiner Tätigkeit als hauptamtlich lehrender Professor an der Fachhochschule Frankfurt am Main habe ich unter anderem für Studierende der ersten beiden Semester Lehrveranstaltungen der Einführung in die soziale Arbeit durchgeführt, die in der Regel auch, neben anderem, Fragen der Jugendarbeit behandelten. In diesen Lehrveranstaltungen habe ich Herrn Herbert Westenburger in mehreren Jahren eingeladen, mit Einzelvorträgen erzählenden, wissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Charakters über seine Erfahrungen in der bündischen Jugendbewegung zu berichten. Dabei ging es insbesondere auch um die Erfahrungen Westenburgers in der illegalen bündischen Jugend während der NS-Zeit, insbesondere in den Jahren 1933-1945. Gruppierungen wie die Nerother Wandervögel und die dj.1.11, denen er angehörte, waren damals verboten und wurden vom NS-Regime verfolgt. Es bestand die Tendenz, möglichst viele Jugendgruppen der sogenannten Hitlerjugend einzugliedern.

Die Einzelvorträge Herbert Westenburgers im Rahmen meiner Lehrveranstaltungen fanden bei den Studierenden viel Interesse, lösten Fragen und lebhafte Diskussionen aus. Es handelte sich bei diesen Einzelvorträgen um von Herrn Westenburger dokumentarisch und inhaltlich. vorbereitete Vorträge, wobei die Schilderung der illegalen Aktivität der Jugendgruppen, denen Herbert Westenburger angehörte, ebenso eine Rolle spielte wie Dokumente der Verfolgung während der NS-Zeit."


Schon 1978 hatte Westenburger an einem die Ausstellung "Geschichte der Arbeiterjugendbewegung in Frankfurt am Main 1904 -1945" begleitenden Universitätsseminar "Kulturelle Bildungsarbeit - Lernort Museum" bei Frau Prof. Dr. Hildegard Feidel-Mertz mitgewirkt, wo ihn der wissenschaftliche Mitarbeiter des Historischen Museums Frankfurt, Herr Wolf von Wolzogen kennen lernte und seitdem immer wieder in seine Arbeit einband. Anfang der achtziger Jahre erarbeite Herr von Wolzogen zusammen mit Herrn Dr. Jürgen Steen am Historischen Museum Frankfurt die Ausstellung "Jugend im nationalsozialistischen Frankfurt" auf der Grundlage von lebensgeschichtlichen Interviews und persönlichen Dokumenten. Er fand auch hier in Herbert Westenburger einen engagierten und überzeugenden Vertreter seiner Alterskohorte, der die Geschichte der jungenschaftlichen Bewegung von ihren Anfängen in der Bündischen Jugend der Weimarer Zeit bis in die Illegalität während der NS-Zeit deutlich auszuleuchten verstand und "damit einen wichtigen Beitrag zum Gelingen der Ausstellung leistete" (Wolzogen).

1993 organisierte Herr von Wolzogen mit der Universität des 3. Lebensalters (U3L) der Frankfurter Goethe-Universität im Rahmen der Gerontologischen Tage im Historischen Museum ein Kolloquium zum Thema "Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus". Herbert Westenburger als Referent zeigte deutlich die Unterschiedlichkeit der im NS-System gemachten, erinnerten und verarbeitenden Erfahrungen seiner Alterskohorte. Er war mit seinen Erfahrungen und Erinnerungen ein ganz wesentliches Korrektiv zu den vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, für die die Zeit zwischen 1933 und 1945 "die schönste Zeit ihres Lebens" gewesen war und die "von Alledem nichts gewusst" haben wollten (Wolzogen).

Herbert Westenburger war auch einer der Autoren, die an dem Projekt "Bibliothek der Alten. Ein Generationen übersteigendes Projekt, 2000-2105" der Hamburger Künstlerin Sigrid Sigurdsson mitwirkten. Dieses Projekt entstand im Rahmen der Ausstellung "Gedächtnis der Kunst. Geschichte und Erinnerung in der Kunst der Gegenwart" und war intendiert, persönliche Erinnerungen zu Frankfurt zusammen zu stellen. Erinnerungen von nunmehr über 100 Autorinnen und Autoren, mit denen dieses Offene Archiv gleichsam in die Zukunft hineinwächst. Die Künstlerin hatte es den Mitwirkenden vollkommen freigestellt, in welcher Form sie ihr Buch oder ihre Kassette mit Erinnerungen füllen würden. Herbert Westenburger wählte die Form eines Buches mit Erinnerungen und Dokumenten.

Darüber hinaus hat Herbert Westenburger in den Jahrzehnten nach dem Ende des NS-Staates nicht nur durch sein Engagement in der freien Jugendarbeit aufklärend gewirkt, sondern durch seine Zeitzeugenschaft in kleineren und größeren Kreisen, in Vorträgen, Diskussionsrunden und Gesprächen Zeugnis darüber abgelegt, dass es auch im Nationalsozialismus Menschen gegeben hat, die sich dem System verweigerten und im Alltag Widerstand leisteten.

Im Jahr 1992 wurde Herbert Westenburger die Johanna-Kirchner-Medaille für Widerstand gegen die NS-Diktatur verliehen.

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