Herbert Westenburger (1920 - 2015)

Wir pfeifen auf den ganzen Schwindel

In der "Bibliothek der Alten", einem Projekt des Frankfurter Historischen Museums, werden seit 2004 unterschiedliche Erinnerungsberichte in mittlerweile 60 vorliegenden Kassetten und Büchern als offenes Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht Lebensgeschichten, nicht nur Frankfurter Bürger, zeigen darin viele Facetten gesellschaftlicher Verflechtungen aus bisher unbekannter Perspektive.

Am 9. Mai 2007 hatte der Autor; Gelegenheit, seine Jugenderinnerungen vor über 100 geladenen Gästen Im Historischen Museum vorzustellen.

Es ist die Erlebniswelt eines 12jährigen Knaben (Jahrgang 1920) mit jüdischen Vorfahren, der versucht, in einer Freundesrunde die Ideale der inzwischen verbotenen freien Jugendbewegung, der "bündischen Jugend", trotz Ausgrenzung, Haft und Gestapoterror aufrechtzuerhalten. Als Heranwachsende werden die Freunde Soldaten für Hitlers Angriffskrieg. Obwohl Soldat, zuletzt bis zur Niederlage im Afrika-Korps, hinderte dies die Rassenfanatiker nicht daran, seine Mutter als "Halbjüdin" nach Auschwitz zu deportieren, wo sie 1943 emordet wurde.  


Viele Jahre lang, bis kurz vor seinem Tod, berichtete der Autor Schülern in Frankfurter Schulen und den Erstsemestern der Fachhochschule in anschaulichen Vorträgen über diese schreckliche Zeit. Der Leser hat Gelegenheit, das Ganze als Buch zu studieren. Die wichtigsten Ereignisse und die daraus resultierenden Entwicklungsphasen werden exemplarisch und nachvollziehbar dargestellt. Man ist mitten im Geschehen, oft Beteiligter.

In drei Hauptabschnitten, deren Bezeichnungen schon einiges erahnen lassen, werden auf ca. 300 Seiten nach einem kurzen Abriss Familiengeschichte 16 Jahre (1932-48) Jungen- und Jugendzeit eindringlich und spannend erzählt.

Teil I: "Wir pfeifen auf den ganzen Schwindel", eine Liedzeile aus dem zweistrophigen "Ordenslied" des illegalen "Pachanten"-Ordens der Frankfurter Nerother-Wandervögel, hat der Autor auch als Buchtitel gewählt, weil sich darin die Stimmung verbotener bündischer Gruppen widerspiegelt. Sie pfiffen darauf! Berry Westenburger war in keinem Orden, sondern in einem "bundesunmittelbaren" Fähnlein und dem Bundesführer Robert Oelbermann direkt unterstellt. Da dieser für diese Kleinstgruppe kaum Zeit hatte, führten sie ein relativ freies Bundesleben. 12 Mann, ein wilder Haufen. Von 1932 an bis zur Auflösung blieben sie zusammen. Langsam schmolz die Gruppe auf vier bis sechs handfeste Kerle.

Einige Zeit später fanden sie Unterschlupf in einer illegalen "autonomen Jungenschafts"-Horte, einem Konglomerat aus verschiedenen ehemaligen Bünden. 1938 wurden sie entdeckt und sie landeten in Gestapohaft. Diese Erfahrungen, Berry betitelt sie als "Innenansichten", lesen sich wie ein Kriminalroman.

Im Frühjahr 1939 wieder frei, wurden sie gemustert, um Hitlers 3. Reich einige Monate später zu vergrößern. "Volk ohne Raum", man eroberte den Osten in einem erbarmungslosen Vernichtungsfeldzug. Doch bis dahin hatten sie noch viele schöne Sommerfahrten vor sich und das eine oder andere gemeinsame Singen am Lagerfeuer.

Teil II "Sie glaubten die Gruppe sei tot, wie wenn sie nur schliefe?", schreibt ein Berliner Freund aus Nordafrika 1941. Doch sie war weder tot, noch schlief sie. Treffpunkt war noch immer die "Garnison" der Gleimstrassen-Horte, nach ihrem Standort benannt. Die ganzen langen Kriegsjahre versuchten die Freunde die seltenen Fronturlaube zusammenzulegen und oft waren 8-10 Männer als sangesfreudiger Haufen beisammen. Je mehr besetzte Gebiete hinzukamen, um so seltener gab es Urlaub. Die hier veröffentlichten Feldpostbriefe (von etwa 800 in sechs Jahren) zeigen den Willen, trotz Trennung und Tod einzelner Freunde durchzuhalten, um irgendwann irgendwo in einer Lagerfeuerrunde die alten Lieder singen zu können.

Berry, inzwischen beim Deutschen Afrika-Korps, gerät 1943 in britische Gefangenschaft, ein Ausbruchsversuch misslingt. Er will, seine Mutter war in Gestapohaft, nach Spanisch-Marokko, um irgendwie nach Deutschland zu gelangen und seine Mutter zu retten. Statt dessen wird er nach USA verschifft. Dort der 2. Versuch zu fliehen, diesmal mit bündischen Kameraden. Es gelang dem Trio nicht, Mexiko zu erreichen. Noch viele Monate werden vergehen, bis er nach einem Re-education Lehrgang im Januar 1946 in Frankfurt eintrifft. Die langen Gefangenschaftsmonate werden im Detail beschrieben und geben Einblick in die Gedankenwelt der Soldaten einer geschlagenen Armee, die Jahre ihres Lebens verloren hatten. Meist auch Haus, Hof und Heimat.

Am Anfang seiner Machtübernahme soll Hitler einmal gesagt haben: "Ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen...", wie recht er hatte!

Teil III "Wir müssen Spuren hinterlassen, dass andere uns folgen können", ein Satz, den Freund Janek mit auf den Weg gab. In Frankfurt hatten die bereits Heimgekehrten begonnen, eine neue Horte aufzubauen. Auch das ist facettenreich beschrieben.

Nach einem Jahr des Wartens erteilten die Amerikaner, inzwischen für alle Jugendaktivitäten federführend, die Lizenz eine Fahrtengemeinschaft zu gründen. Die Gruppe hatte dies bereits schon vor langer Zeit ohne Genehmigung getan. Illegalität waren sie gewohnt. Berry Westenburger baute mit seinen Freunden die "Hessische Jungenschaft" auf und war bis Mitte 1948 deren Landessprecher. Man spürt, mit wieviel Herzblut diese 16 Jahre beschrieben wurden. Freude, Leid und Trauer liegen hier offenkundig dicht beieinander.

Fotos und Dokumente fügen sich aufklärend in diese Zeilen. Aus den veröffentlichten Horten-Chroniken kann man die Spuren lesen, die Nachfolgende dann beschritten haben. Bis heute!

Herbert (Berry) Westenburger "Wir pfeifen auf den ganzen Schwindel" Versuche jugendlicher Selbstbestimmung
Spurbuch-Verlag, 96148 Baunach, 2008
245 S. und 52 S. Dokumentenanhang.
Zu bestellen über die Tochter des Autors zum Preis von 18 EURO per E-Mail dschaeferin@t-online.de

 
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