Prof. Dr. Jürgen Reulecke
Beerdigungsrede für Herbert Westenburger

Herbert (Berry) Westenburger am 9.9.2015 in memoriam (5.1.1920 – 8.8.2015)


Liebe Angehörige, besonders liebe Doris, liebe Freunde von Berry, liebe Leute,
die Ihr jetzt zum Abschiednehmen von Berry hierher gekommen seid!


„Die Sterne stehn im alten Stand,
der Tod hält uns in kalter Hand:
Die Freunde gehn, die Freunde gehn!
Die Schnitter mähen nah zu mir;
ich aber singe für und für
und wills nicht sehn, und wills nicht sehn…“

Das waren ein paar Zeilen von Werner Helwig aus einem von ihm
geschaffenen Lied, das wir mit viel Melancholie vor allem nachts in der Kohte
oft gesungen haben, wenn das Feuer allmählich heruntergebrannt war. Die von
mir gerade zitierten Zeilen sind eine später hinzugefügte Kernaussage in jenem
Lied, das mit den Worten beginnt: „Ich schaukle meine Müdigkeit und denk es
wär die rechte Zeit zum Schlafengehn, zum Schlafengehn…“ Der nerothanisch
und oelbermännisch infizierte Werner Helwig hat eine erste Fassung Ende 1934
als noch nicht Dreißigjähriger geschaffen, als Berry sich gerade (15 Jahre jünger)
in einer Frankfurter Horte im Umfeld des Nerotherordens „Rabenklaue“
heimisch zu fühlen begann und danach dann - wie er geschrieben hat – in der
jungenschaftlichen Welt einen ihn lebenslang prägenden Familienersatz fand.
Helwig hat das Lied in den frühen 1940er Jahren, als zwei seiner
Nerotherfreunde an der Front gefallen waren, um die von mir soeben zitierten
Strophen ergänzt. Angesichts der erschütternden Schnittertätigkeit des Todes im
Krieg, die viele jugendbewegte Freunde aus der damaligen jungen Generation
hinwegmähte, ist die bedrückende Zeile von Helwig „und wills nicht sehn“
nachvollziehbar. Wir aber heute – fast alle aus dem Maulbronner und dem
Mindener Kreis im vierten Lebensvierteljahrhundert angekommen – müssen
jetzt bewusst und mit Fassung der Tatsache ins Auge sehen, dass auf unserem
jungenschaftlichen Seniorenacker (nicht mehr kriegs- sondern jetzt
altersbedingt) der Schnitter Tod immer näher zu uns mäht. In den letzten fünf
Jahren sind in wachsender Zahl Freunde aus unserem Mindener Kreis und dem
Maulbronner Kreis und darüber hinaus noch manche weitere Leute aus unserem
jugendbewegten Umfeld aus der Welt geschieden. Sie „bechern“ jetzt – so hat es
Werner Helwig, bezogen auf seine beiden Freunde Zick und Floh, in einer
weiteren im „Turm“ abgedruckten Liedstrophe gesagt – sie „bechern“ jetzt im
Jenseits „goldne Ewigkeit“. Und wir stehen hier nun in Bonames am Grabe
Berrys, der vor einem Monat mitten in seinem 95. Lebensjahr in die ewigen
Jagdgründe hinübergewechselt ist und dort hoffentlich jetzt ebenfalls „goldne
Ewigkeit bechert“. Bei diesem „Bechern goldner Ewigkeit“ wird er dann wohl
eng mit einigen unserer Freunde zusammensein. Um nur einige zu nennen, die
ihm jüngst vorausgegangen sind: Walter Scherf-tejo und Jürgen Militz, Karl
von den Driesch, Diethart Kerbs, Focko Eulen und Gero von Schönfeld; im
letzten Dreivierteljahr sind dann noch Grischa (Jörn Thomsen), Molo (Klaus
Peter Möller), Coffy (Karl-Heinz Ness), im Mai Walter Mossmann, im Juni
Arno Klönne und vor wenigen Tagen Dröge (Hans-Peter Drögemüller) und
Meino Naumann hinzugekommen. Manche weitere aus der sonstigen
jugendbewegten Szene wie z.B. Axi (Alexej Stachowitsch) und Gerhard
Neudorf könnten von Euch jetzt sicherlich noch hinzugefügt werden!

Wir – Stichwort Jungenschaft – sind zwar alles andere als ein
traditioneller jugendbewegter Lebensbund à la Wandervogel und Pfadfinderei,
aber doch aufgrund einer recht speziellen Prägung nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges in der frühen Bundesrepublik ein eigentümlicher, durchaus auch
zum Teil heterogener, aber doch emotional vielfältig bereichernder und
anregender Freundeskreis, dem Berry von vorn herein und immer wieder neu bis
zuletzt Impuls gebende und auch Weichen stellende Ideen geliefert hat. Für ihn
war jener Kernsatz seines Frankfurter Hortenfreundes Janek Warczinski aus
dem Jahre 1939 lebenslang von richtunggebender Bedeutung, der da lautet:
„Wir müssen Spuren hinterlassen, damit andere uns folgen können.“ Das heißt
aber ausdrücklich nicht, Leute durch eine Fixierung auf feste Traditionen und
auf eindeutigen Wegen festzunageln, sondern sie zu einem umsichtigen
„Selbsterringen“ anzuregen, um so zu einem unverwechselbaren „Selbst“ beim
Wandern durch die Zeit zu werden. Wie das gehen kann, hat Berry uns in
seinem 2008 erschienenen grandiosen Buch „Wir pfeifen auf den ganzen
Schwindel“ mit dem Untertitel „Versuche jugendlicher Selbstbestimmung“
eindrucksvoll erläutert und uns auch immer wieder in freundschaftlicher Weise
ganz konkret vorgeführt bzw. vorgelebt. Eckard Holler-zeko hat deshalb in
seinem vor wenigen Tagen formulierten Nachruf auf Berry dieses Werk treffend
als eine einzigartige „Ode an die Freundschaft“ bezeichnet. Für diese Ode und
insgesamt für sein Engagement seit vielen Jahren sind wir Berry immens
dankbar! Seine vielen öffentlichen Lesungen aus diesem Opus in den letzten
Jahren bis hin zu seinem eindrucksvollen Auftritt als 93jähriger beim
Hundertjahrjubiläum des freideutschen Meißnertreffens von 1913 am Fuß des
Hohen Meißner im Herbst 2013 waren deshalb alles andere als egomanisch-eitle
Selbstbespiegelungen, sondern intensive Versuche, im Sinne des Zitats von
Janek den Nachkommenden eine zentrale Botschaft, nämlich die Botschaft
„Selbstbestimmung“ weiterzugeben. Mit anderen Worten bzw. mit Berrys
eigenen Worten: Seine vielen Auftritte vor allem auch in Schulen und vor
Jugendgruppen liefen laut Berry, ausgehend von seiner Frage „Was bedeutet uns
heute der damalige Widerstand gegen den Nationalsozialismus?“, letztlich auf
einen Appell an die nach uns Kommenden hinaus, nicht naiv irgendwelchen
Gurus hinterherzulaufen, sondern „selbsterringend“ sich zu bemühen, jenes
humane „Selbst“ mit entsprechender Bereitschaft zum gesellschaftlichen
Engagement zu werden und dann lebenslang zu sein.

Es ist wohl kaum eine Übertreibung, wenn ich jetzt sage, dass Berry aus
der Altersgruppe der um 1920 Geborenen auf diese seine Weise bis ins hohe
Alter in unserer Gesellschaft mit ihrer erschütternd-bedrückenden NS-
Vorgeschichte eine generationengeschichtliche Kernaufgabe übernommen und
diese dann immens engagiert wie kaum ein anderer gemeistert hat. Die meisten
von Euch, die Ihr heute an seinem Grab steht, sind wohl bei ihrem
jugendbewegt-jungenschaftlichen Start in Richtung Selbstfindung von Leuten
aus eben dieser Altersgruppe der 1920er geprägt und auf ihre jeweilige
individuelle „Fährte“ gesetzt worden. Das trifft ganz besonders auf die
Altersgruppe der vaterlos aufgewachsenen Kriegsjugendlichen und Kriegskinder
des Zweiten Weltkriegs zu. Als der Mindener Kreis dreien von ihnen, nämlich
den im Jahre 2000 achtzig Jahre alt werdenden 1920ern Berry, Hai Frankl und
Walter Scherf-tejo, damals in Halberstadt, ein Jahrestreffen widmete, ging es
ausdrücklich um diese generationengeschichtliche Rolle und um die Bedeutung
dieser Altersgruppe für uns und auch allgemein für die bundesrepublikanische
Gesellschaft bzw. Gesellschaftsgeschichte. Unsere Argumente hier noch einmal
ausführlicher wiederholen zu wollen, würde jetzt zu weit führen. Texte dazu
liegen ja vor, und zeko hat bereits in seinem Nachruf noch einmal manches dazu
wie auch zum konkreten Lebenslauf von Berry mitgeteilt - zum Lebenslauf
jenes 1920 geborenen Herbert Westenburger, genannt Berry, der schließlich als
90jähriger im Jahre 2010 für sein gesamtes eindrucksvolles gesellschaftliches
Wirken mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande zu Recht
geehrt worden ist.

Nur so viel noch: Zu diesen „unseren“ 1920ern, die (so hat sie damals der
aus dem Exil zurückgekommene Journalist Ernst Friedländer bezeichnet)
„Suchende“ waren und nicht bloß Wiederholende oder irgendwie Angepasste -
zu diesen 1920ern, die nun nach dem Ende der Nazi-Diktatur und des Krieges
laut Berry in deutlicher Abgrenzung von den älteren Generationen die ihnen
gestohlene Jugend nachholen wollten, zu diesen gehörten z.B. neben den beiden
schon genannten Walter Scherf-Tejo und Hai Frankl vor allem auch Michael
Jovy-Mich, Karl von den Driesch und Hans Christian Lankes-Biber, mit denen
Berry damals in der entstehenden Bundesrepublik ein ausgreifendes
jungenschaftliches Netzwerk aufzubauen begann. In der Zeitschrift „Horizont“
erhielten sie damals den Titel „Kumpels“: Junge Leute wie diese seien, so hieß
es dort, zwar erschüttert, oft zunächst weg- und ratlos aus dem Krieg
zurückgekommen, besäßen aber ohne Standes- und Klassendünkel einen
ausgeprägten Wirklichkeitssinn und hätten das „kameradschaftliche Teilen“
gelernt. Und die jungenschaftlichen Typen unter diesen „Kumpels“ waren es
dann, die uns zu begeistern verstanden und auf Fährte gesetzt haben! Wie schon
gesagt: Für viele von uns (wie übrigens ausdrücklich auch für Berry selbst)
wurden bzw. waren dann die Jungenschaftshorten in der Phase unseres
Heranwachsens ein immens prägender Familienersatz. Vermutlich hätten auch
die gleichaltrigen Mitglieder der „Weißen Rose“ ebenso wie auch Helle Hirsch
dazugehört, wenn das NS-Regime sie nicht kurz vorher ermordet hätte. Wir
wären heute nicht hier, wenn uns all das nicht von den 1920ern vermittelt und
mit auf den Weg gegeben worden wäre. Und unsere Lieder, von denen eine
Reihe von dem sehr musisch orientierten Tejo, aber auch von Heinrich
Steinhöfel-heinpe, Werner Helwig und anderen stammte, drückten einerseits
jenseits der damals in der Nachkriegszeit bedrückenden Alltagsverhältnisse die
Sehnsucht nach der Entdeckung einer abenteuerlichen „Weite“ aus, „die
grenzenlos in sich das Leben verschließt“, eine Weite, in der wir uns dann in den
Nachkriegsjahrzehnten auf unseren Großfahrten auch „sorglos rumgetrieben“
haben. Andererseits spiegelte sich aber auch in ihnen unser seit unserer Kriegskinderzeit
gespeichertes, tief sitzendes Erahnen der Vergänglichkeit von
allem Hier und Jetzt wider. Ihr alle kennt ja das melancholische schottische Lied
mit dem 1946 bzw. 1950 entstandenen deutschen Text (von Claus Ludwig Laue
aus der DPSG): „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr: Die
Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer.“ Berry war einer von
denen, die uns die Kunst des Umgehens mit solchen uns lebenslang prägenden
und herausfordernden, oft widersprüchlichen „Er-fahrungen“ beim Fahren durch
die Zeit nahe gebracht hat. Deshalb noch einmal ein intensiver Dank an ihn –
verbunden mit der Trauer, dass er uns nun verlassen hat!

Berry hat in seinem schönen Opus seinen Versuch, den konkreten eigenen
Weg jugendlicher Selbstbestimmung darzustellen, mit einem Liedtext aus seiner
Horte beendet, in dem es u.a. heißt:

„Der Blick geht mit dem Rauche
bis zu den Wolken gleich -.
die Weite und die Freiheit
sind unser wahres Reich“

(vertont von Heinrich Steinhövel-heinpe,
Text von Heinz-Felix von Grunder-vex)

Das war bzw. ist die eine Seite unserer gerade angesprochenen Erfahrung:
nämlich das beglückende Erlebnis von Weite und Freiheit – z.T. in der Kohte
als einer Art „Heimat“ für uns! Aber der mit Berry gleichaltrige Hans-Christian
Lankes, genannt Biber, aus der damaligen Essener Jungenschaft hat als
26jähriger, also 1946, gleichalt wie Berry, auch bereits jene andere Seite dieser
„Er-fahrung“ besungen, nämlich unser nicht zuletzt von Melancholie
mitbestimmtes Wissen, dass unsere konkreten Fahrtenerlebnisse uns letztlich
keine sichere Dauerhaftigkeit bescheren, sondern Teilelemente einer
vielschichtig-farbigen Großfahrt durch die Zeit mit ständig neuen, auch
manchmal bedrückenden Herausforderungen infolge immer wieder neuer Auf-
und Umbrüche mit vielen Provokationen sind: Bibers Fazit lautet nämlich:

„Wenn wir auch gerne mit euch gehn im sonnengarten,
Ihr könnt dem gruß doch keine dauer leihn:
Wir rasten kurz und weit gehn unsre fahrten
In neues land, wo götter uns erwarten,
Und wo wir selbst wie götter werden sein.“

Genau das wünschen wir - als noch Diesseitige - unserem Freund Berry im
Jenseits - dies mit dem aus Asien stammenden Karawanengruß, den seine
Frankfurter Jungenschaftshorte immer benutzt hat: „Zajagan, Berry!“ – ein
Gruß, der auch ein Zuruf an Euch heute hier und jetzt ist:
„Gute Reise und guter Weg Euch allen weiterhin!“

Jürgen Reulecke



Zurück zur Hauptseite